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Laurie Anderson

Anderson, Laurie

Biografie

Laurie Anderson (voc, vi, electronics), am 5. Juni 1947 in Chicago, Illinois, geboren, artikulierte in ihrer "Performance Art" mit verfremdeter Sprache, Filmen, Dias, Musikfetzen, Songbruchstücken und Schattenspielen die Kommunikationsprobleme einer High-Tech-Gesellschaft. Von dem Avantgarde-Literaten William S. Burroughs übernahm sie das provokante Bonmot "Sprache ist ein Virus aus dem All", enthüllte durch witzige Wortspiele und kokette Kalauer die Absurditäten des Alltags und enttarnte die Werbebotschaften und Politikerreden als hohlen Zauber mit Netz und doppeltem Boden.

Ihre Sprachartistik führte die an Elite-Colleges ausgebildete und diplomierte Kunsthistorikerin mit allerlei technischem Brimborium vor: So spielte sie Wortkaskaden auf einer Neonvioline, bei der die Saiten durch einen Magnetkopf und die Bogenhaare durch ein bespieltes Tonband ersetzt waren, band sich einen Schlips mit eingebauter Elektronik-Klaviatur um oder legte einen mit Kontaktflächen ausgerüsteten "Drum Suit" an, dem sie mit Schlägen auf verschiedene Körperteile eine Skala an Percussion-Effekten entlockte. New Yorker Performance-Kollektive wie The Kitchen in SoHo ermöglichten ihr ab 1973 erste Auftritte, die sie seit 1976 auf Museen, Festival-Zirkel, Konzerthallen ausdehn-te. Als Mitglied der Künstlertruppe Talented Teens entwarf sie ein "Handphone Table", bei dem sich Musik und Geräusche von einem in die Tischplatte eingebauten Bandgerät über die aufgestützten Arme des Benutzers auf Hände und Kopf übertrugen. Sie komponierte eine Sinfonie für Autohupen und spielte ihre Violine, während sie in Eisblöcken eingefrorene Rollschuhe trug und über die Balance-Probleme an den Füßen und am Bogen referierte.

Solche Happening-Techniken und Musik-Manierismen übernahm sie von John Cage und Philip Glass, aus den Theaterkantaten der ehemaligen Choreographin Meredith Monk, der Fernsehoper Private Lives (1975) des Komponisten Robert Astley, den Techno-Gag-Shows des Neunerkollektivs Mabou Mines und den intellektuellen Vaudeville-Darbietungen der JoAnne Akalaitis. Laurie Anderson "nahm dabei den Schock aus dem Neuen und ersetzte ihn durch reinen Spaß" ("Village Voice"). 1981 hatte sie mit O Superman, einer "Mini-Symphonie aus der Schönen Neuen Welt" ("Der Spiegel"), einen Pophit in England. 1983 führte sie in der Brooklyn Academy of Music United States auf, das "kubistische Porträt eines Landes" (Anderson), das "den Weg zu einer Oper der Zukunft wies" ("New York Times"). Diese multimediale sarkastische Liebeserklärung an eine Nation voller Widersprüche vermittelte sieben Stunden lang "das Science-Fiction-Abbild eines medienverseuchten Environments mit abgehörten Telefonen und Gedankenkontrolle, in dem sogar Mutti zu einem Roboter geworden ist" ("Time Out").

Laurie Anderson, die sich den monologisierenden Komikern der Nachtclubs stilistisch nahe fühlte, fand mit ihren "verführerischen Soundtracks für ein Kino im Kopf" ("Rolling Stone") ein aufnahmebereites Publikum bei "der statusbewussten oberen Mittelklasse, die unter 35 und durch und durch weiß ist" ("New York Magazine"). Variationen ihrer zentralen Themen Transport, Politik, Geld, Liebe aus United States fanden sich auf eher rockorientierten Alben und in einer Kino-Dokumentation ihrer Show ("Home of the Brave", 1986); das gleichnamige Album wurde von Nile Rodgers (Chic) produziert. Im selben Jahr raunte sie auf Peter Gabriels Hit-Album So in dem Song This Is The Picture rätselhafte Worte. Sie schien Gefallen an der detaillierten Musik Gabriels gefunden zu haben und holte sich für Strange Angels Bobby McFerrin (voc), Steve Gadd (dr), Anthony Fier (dr), Chris Spedding (g), Arto Lindsay (g), Tony Levin (bg) ins Studio.

Ihre Fans mochten den ungewohnt opulenten Klängen indes nicht recht folgen. Ende der achtziger Jahre verlor sie selbst für einige Jahre das Interesse am Rockgeschäft. Als sie Mitte der neunziger Jahre wieder Schallplattenstudios und Konzertbühnen betrat, war ihr Publikum auf eine eingeschworene Gemeinde geschrumpft, die ihr gleichwohl an den Lippen hing. "Als Künstler musst du dir einen Sinn für Ironie bewahren", erkannte Laurie Anderson bei ihren Expeditionen durch den Mediendschungel, "sonst wirst du zu einem elektronischen Teilchen dieser Maschinerie." Dass sie selbst die elektronischen Mittel der neunziger Jahre virtuos für ihre Zwecke einzusetzen wusste, zeigte sie mit ihrer in Zusammenarbeit mit dem japanischen Computerkünstler Hsin-Chien Huang produzierten CD-ROM Puppet Motel. "In einer warmen, dichten, spannenden und einfach schönen Atmosphäre", schrieb der Berliner "Tip", "erkundet der Benutzer Andersons Welt der Symbole, Weisheiten und Rätsel."

Die mit Lou Reed liierte Künstlerin richtete sich auch im Internet ein und veröffentlichte mit The Ugly One With The Jewels (1995) eine vergleichsweise konventionelle Platte: "Du brauchst nur den richtigen Code, um die Welt zu erforschen", wusste sie, "ein Code, und die Welt wird zu einem System." Mit einem zwei Wochen dauernden Gastspiel in der stets ausverkauften Brooklyn Academy of Music startete sie im November 1999 ihre Welttournee mit "Songs and Stories from Moby Dick". Herman Melvilles wucherndes Geschichtenknäuel in stehenden und bewegten Projektionen, Tonmanipulationen mit dem Talking Stick, Keyboard-Romantik und bassgewaltige Vibrationen: "Schwarz gewandet, doch rotem Schuhwerk nicht widerstehend, mutiert Paganinis zart angepunkte Schwester mit der Elektrogeige zur Märchentante, sobald ein über- oder unterdimensionierter weißer Sessel auf die Bühne rollt" (Jordan Mejias in der "FAZ").

Den Plan, diese Show für eine CD umzusetzen, gab Laurie Anderson im Studio auf: "Es war schon ein äußerst komplexes Projekt, ein Buch in eine Bühnenshow umzuwandeln. Umso härter kam es mich an, die Show auf eine Platte zu bannen." Stattdessen entschied sie sich kurzfristig zu dem autobiographischen Song-Album Life On A String (2001) mit Skuli Sverrison (b, bg), Gästen wie Bill Frisell (g), Dr. John (p, kb), Lou Reed (g), Orchestrationen von Van Dyke Parks und Hal Willner als Koproduzenten. Das postmoderne Sound-Kaleidoskop zwischen Drum ’n’ Bass, Streichorchester und verfremdeter Karibik-Folklore litt unter dem gleichen Mangel wie ihre handverlesene Anthologie Talk Normal (2000) mit 35 kommentierten Performances aus ihrem Lebenswerk: Es fehlte die optische Dimension.

Life On A String, ihr erstes Album nach siebenjähriger Schaffenspause, war als ein Porträt der Stadt New York gemeint gewesen, durch deren Parks die empfindsame Intellektuelle ihren Terrier spazieren führte. Als die CD vor ihr lag, erkannte sie, dass das Abbild zu luftig geraten war. Anderson: "Ein schöner Spaziergang ohne Ziel." Um sich zu erden, arbeitete die Konzeptkünstlerin eine Weile auf einer Farm der Amish People, die auf jedwede moderne Technik verzichten: "Als sie mich um Ratschläge für Kindererziehung baten, bin ich geflohen." Dann ließ sie sich als einzige Weiße für zwei Wochen bei einer McDonald’s-Filiale in Chinatown als Kellnerin anstellen: "Ich wusste danach nicht wirklich, was bei McDonald’s los ist. Aber wenn ich mal versuche, die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten, hilft mir das sehr."

Der Essay über New York, den sie danach für die "Encyclopedia Britannica" schrieb, wurde gewiss ebenfalls durch diesen Realitätsschock geprägt. Und auch ihre Lieder klangen anders, als Laurie Anderson sie am 19. und 20. September 2001 live in der New Yorker Town Hall zum Besten gab. Anderthalb Wochen zuvor waren zwei Linienmaschinen als Terrorwaffen ganz in der Nähe ihrer Wohnung in die Twin Towers geknallt. Da gewannen die Texte aus Life On A String, aber auch von Hits wie O Superman oder Let X = X ("Here come the planes, they are American planes"), noch einmal eine andere Bedeutung: "Es fühlte sich an, als hätte ich sie erst gestern geschrieben. Verlust, Betrug, Tod, Technologie, Zorn und Engel waren oft die Themen meiner Stücke. In der Town Hall sang ich zum ersten Mal über die unmittelbare Gegenwart." Live At Town Hall, New York City, September 19–20, 2001 wurde ein Jahr später auf Nonesuch als Doppel-CD veröffentlicht.

Nach der Realität Futurologie: Für ein Salär von 20 000 Dollar gab Laurie Anderson eine Gastrolle als Artist in Residence bei der NASA. Sie durfte durch das Hubble-Teleskop in unvorstellbare Weiten schauen, im Forschungszentrum der National Aeronautics and Space Administration in Ames die Nano-Welt im Winzigsten erkunden und hospitierte in Houston bei Mission Control. Das Resultat, ein 90-Minuten-Monolog für unverzerrte Sprechstimme mit Digitalbegleitung, wurde im Frühjahr 2005 zwei Wochen lang szenisch bescheiden im Harvey Theater der Brooklyn Academy of Music uraufgeführt.

"Erzähltempo, Tonlage, Anekdotendichte, Atmosphäre lassen sich in ihrem kosmischen Ambiente auf keine Variationen ein", so Augenzeuge Jordan Mejias in der "FAZ": "Wo Laurie Anderson früher ihre Ironie listig(...)

(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,

Historische Diskografie

LPs:
You’re The Guy I Want To Share My Money With (1981 mit William S. Burroughs/John Giorno)
Big Science (1982)
Mister Heartbreak (1983)
United States Live (1984)
Home Of The Brave (1986)
Strange Angels (1989)
Bright Red (1994)
The Ugly One With The Jewels (1995)
Life On A String (2001)
Live At Town Hall, New York City, September 19–20, 2001 (2002)
Homeland (2010)

Zusammenstellung:
Talk Normal – The Laurie Anderson Anthology (2000)

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