Afghan Whigs
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Biografie
Afghan Whigs , 1987 in Hamilton, Ohio, gegründet, waren das exemplarische Beispiel einer aus dem Gitarrenboom der späten Achtziger hervorgegangenen Band, die im Lauf eines Jahrzehnts sowohl stilsicher mit dem gesamten Bestand der amerikanischen Poptradition zu spielen lernte als auch ihr eigenes Songgespür bis zur Perfektion verfeinerte. "Auf Platte wie im Konzert sind die Afghan Whigs hirnversengende Brandstifter, ihre Musik prickelt vor Zerstörungspotenzial und entsetzlicher Wahrheit. Eindringlich, furchteinflößend, großartig." ("L. A. Reader") Von Beginn an war den Afghan Whigs ein eindrucksvoll kompakter Band-Sound eigen, der kein Mitglied der Gruppe in besonderer Weise exponierte.
Sänger Greg Dulli, geboren am 11. Mai 1965, und Bassist John Curly, geb. am 15. März 1965, lernten sich im Gefängnis von Cincinnati kennen, wo sie wegen öffentlichen Urinierens gemeinsam eine Nacht verbringen mussten. Mit Gitarrist Rick McCollum, geb. am 15. Juli 1965, gründeten sie 1986 die Band The Black Republicans. Als ein Jahr später Drummer Steve Earle, geb. am 28. März 1966, hinzustieß, benannten sie sich in Afghan Whigs um. In den Clubs von Cincinnati erspielten sie sich binnen kurzer Zeit den Ruf der kompromisslosesten Band seit den frühen Replacements. Sie entluden über dem Publikum Tonnen von Lärm, erlaubten sich mitten in den Shows bis zu halbstündige Rauchpausen und beendeten die Konzerte nicht selten durch handfeste Prügeleien mit dem Publikum. 1988 veröffentlichten sie auf dem bandeigenen Ultrasuede-Label ihr Debütalbum Big Top Halloween, das die Energie der Live-Auftritte konservierte.
Talent-Scouts des Labels Sub Pop aus Seattle wurden auf das Quartett aufmerksam und sorgten für Aufsehen, als sie es als erste nicht aus dem Nordwesten stammende Band unter Vertrag nahmen. 1990 produzierte Jack Endino, der Geburtshelfer des Grunge, mit den Whigs in Seattle das Album Up In It, das den Ruf der Band über Amerika hinaustrug. Als 1992 ihr zweites Album für Sub Pop, Congregation, erschien, jubelte "Spin" mit Blick auf Nirvana: "Sub Pops nächste Bombe ist im Begriff zu explodieren. Deckung!" Der Sound der Band hatte sich verändert, das Menü war vielfältiger geworden. Die Gruppe reicherte ihren Hardcore durch Elemente des Soul und Funk der frühen Siebziger an, coverte den Song The Temple aus Andrew Lloyd Webbers Rock-Oper Jesus Christ Superstar und bekannte in dem Hidden Track Miles Iz Dead auch Interesse an anderen musikalischen Genres. Mit Congregation im Gepäck gingen Afghan Whigs erstmalig auf Europa-Tour. Die allein aus Soul-Covers bestehenden EPs My World Is Empty Without You und Uptown Avondale untermauerten die Reputation der Gruppe als exzentrischer Neo Soul Act.
1993 wechselten die Afghan Whigs zu Elektra, nicht zuletzt, um der auf Sub Pop unausweichlichen Nähe zum Grunge zu entrinnen. In ihrem Kontrakt sicherte sich die Band die alleinige Kontrolle über alle Platten- und Videoproduktionen. Erst auf Gentlemen (1993) machte der Vierer den Eindruck, als wäre er am Ziel einer langen Reise angelangt. Das Songwriting der Whigs war noch filigraner geworden, Greg Dulli lotete sensibel all seine stimmlichen Möglichkeiten aus, und die gefühlvoll zwischen laut und leise pendelnden Songs bezogen sich aufeinander wie bei einem Konzeptalbum. "Auf Gentlemen brechen die Whigs mit dem matschigen Gitarrenmorast, der von anderen Sub Pop-Exilanten wie Nirvana oder Mudhoney favorisiert wird. Stattdessen entscheiden sie sich für einen sauberen, merkwürdig unbeteiligten Hard Rock-Sound, der launisch zwischen läutern-der und entwaffnender Schönheit umschaltet" ("Rolling Stone").
Ein Jahr später lieh Greg Dulli seine Stimme dem Darsteller des John Lennon in dem Film "Backbeat". Gemeinsam mit Thurston Moore von Sonic Youth, Don Fleming von Gumball, Dave Pirner von Soul Asylum und Dave Grohl von Nirvana nahm er auch das Album Backbeat auf, das ausschließlich aus frühen Songs der Beatles bestand. Auf Black Love (1996) wurde Steve Earle durch Paul Buchignani ersetzt. Dieser Einschnitt in der korporativen Identität der Afghan Whigs markierte den Beginn der Stagnation. Zwar meinte die amerikanische Journalistin Ann Powers, das düstere Album "verbiegt die verbissene Energie von Gentlemen zu einem lauten Geheul", aber schon auf der folgenden Tour wurden die Schwächen des neuen Band-Konzepts allzu deutlich. "Mangelnde Substanz und zurückhaltender Esprit wurden in mehrfacher Hinsicht durch Lautstärke ausgeglichen. Das Quartett präsentierte sich zur allgemeinen Überraschung in Septett-Stärke. Ein Keyboarder für das Schmalz, ein Percussionist für die Breaks und eine Cellistin für den Intellekt" ("Visions").
Die Afghan Whigs waren auf dem Weg, ihre berühmt-berüchtigte Hemmungslosigkeit und Extravaganz zugunsten von belanglosem Adult Rock aufzugeben. Für die CD 1965 (1998) machte Buchignani Michael Harrigan Platz. Der Titel, ein Hinweis auf das Geburtsjahr von drei der vier Bandmitglieder, war die endgültige Absage an die jugendliche Wildheit und Ungezwungenheit von einst. Im "Melody Maker" kommentierte Greg Dulli: "Wenn ich ein besserer Sänger wäre, würde ich keine Songs mehr schreiben. Interpretation füllt mich viel mehr aus als das Schreiben von Liedern, denn ich bin faul. Vielleicht werde ich in meinen mittleren Jahren zum Piano wechseln und einen Barjob übernehmen."
Im Frühjahr 2001 erklärte die Band ihre Auflösung. Sänger Greg Dulli blieb der Musikwelt mit den bereits 1997 mit Screaming Trees-Drummer Barrett Martin und Session-Musikern gegründeten Twilight Singers erhalten. In diesem Kontext konnte er seine ambivalenten Vorlieben für weißen Rock und schwarzen Soul noch besser ausleben. Vor allem mit dem Album Blackberry Belle, auf dem er Pop-Klassiker aus vier Jahrzehnten in ein zwielichtiges Gewand kleidete, erregte er weltweit Aufsehen. Gemeinsam mit dem ehemaligen Screaming Trees-Sänger Marc Lanegan gründete er überdies das Duo The Gutter Twins, mit dem er 2008 die beiden Alben Saturnalia und Adorata (letzteres nur über iTunes) veröffentlichte.
(Text gekürzt - Die vollständige Biographie finden Sie im "Rock-Lexikon") Entnommen aus: Rock-Lexikon Bd. 1+2, hgg. von: Siegfried Schmidt-Joos und Wolf Kampmann unter Mitarbeit von Barry Graves und Bernward Halbscheffel,
Copyright © 1973, 1975, 1990, 1998, 2008 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Historische Diskografie
LPs:
Big Top Halloween (1988)
Up In It (1990)
Congregation (1992)
Gentlemen (1993)
Black Love (1996)
1965 (1998)
LPs Greg Dulli mit Twilight Singers:
Twilight As Played By The Twilight Singers (2000)
Blackberry Belle (2003)
She Loves You (2004)
Powder Burns (2006)
Dynamite Steps, mit Gutter Twins:
Saturnalia (2008)
Adorata (2008)

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